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Paul Trummer,

Wenn Investoren zum Angriff blasen

Aktivistische Investoren sehen sich vermehrt in Europa um. Sie fordern strategische Neuaufstellungen, Aufsplittungen von Mischkonzernen und personelle Veränderungen bei einigen der größten Konzerne in Europa. Wer diese Investoren schlicht ignoriert, macht einen großen Fehler.

Sie schreiben offene Briefe an die Geschäftsführung, streuen Gerüchte und beeinflussen Analysten: Gerät ein börsennotiertes Unternehmen ins Visier von Shareholder-Aktivisten, wird selten mit Samthandschuhen agiert. Für PR und IR bedeutet Shareholder Activism eine neue Herausforderung: Statt der planbaren Kapitalmarktkommunikation mit Quartals- und Jahresergebnissen ist in diesem Fall eine kluge Kommunikationsstrategie gefordert.

Immer mehr Unternehmen in Europa machen Bekanntschaft mit dieser besonderen Investoren-Spezies. „Für aktivistische Aktionäre ist Europa und speziell Deutschland eine Schwerpunktregion geworden“, berichtet Hendrik Bender, Kapitalmarktexperte bei den Frankfurter Kommunikationsstrategen von Hering Schuppener beim „Frühstück mit Ausblick“ von Gaisberg. „Es gibt immer mehr Kampagnen und immer mehr entsprechendes Kapital im Markt. Nobody is too big. Auch ganz große Konzerne können ins Visier der Aktivisten geraten.“

Rekordhoch bei Aktionärs-Kampagnen

Diesen Trend bestätigt auch eine Studie der Investmentbank Lazard, die 2018 ein Rekord-Jahr für Shareholder Activism ausmachte. Die Zahl der entsprechenden Kampagnen stieg 2018 von 188 auf 226, jede dritte Kampagne hatte Änderungen bei Übernahmesituationen als Ziel. Das Aktionsfeld der aktivistischen Fonds wie Elliott, Cevian oder Third Point wurde immer breiter: Sowohl in Europa als auch im Asia-Pazifik-Raum gab es noch nie so viele Aktionärskampagnen wie 2018 – knapp 60 Kampagnen allein in Europa.

Galten lange Zeit die zweiteilige Board-Struktur mit Vorstand und Aufsichtsrat sowie starke Kernaktionäre in Europa als Hemmschuh für Aktionärskampagnen, ist das mittlerweile nicht mehr zutreffend. „Passive Indexfonds gewinnen an immer größerer Bedeutung in den USA. Die Fondsmanager der verbliebenen aktiven Fonds stehen daher stärker unter Druck, höhere Renditen zu erzielen. Daher blicken sie zunehmend auf Sondersituationen und über den Tellerrand. Wir werden daher vermehrt Kampagnen von Shareholder-Activists auch in kleineren europäischen Ländern sehen wie derzeit etwa in Portugal“, erklärte Marc Lemcke, Kommunikationsexperte und Geschäftsführer von Jule Consultancy in New York.

Von der Heuschrecke zum Value Creator

Nicht alle Forderungen der Aktivisten sind unbegründet. Die Fonds investieren viel Know-how und Geld in ihre Research-Aktivitäten – und legen den Finger oft in schwelende Wunden der börsennotierten Unternehmen.

Galten die Investoren vor einigen Jahren noch als Heuschrecken, so werden sie mittlerweile in zunehmendem Maße sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei anderen Shareholdern als mögliche Value Creators betrachtet, deren Einstieg das Unternehmen robuster aufstellen und den Aktienkurs nach oben treiben kann. Ein generelles Ablehnen jeder Kooperation kann daher dem Management rasch jede Menge an Reputation kosten – und möglicherweise auch den Job: 161 Vorstände mussten laut der Lazard-Studie 2018 aufgrund von Kampagnen den Hut nehmen – 56 % mehr als noch 2017.

Finger in der Wunde

Die Forderungen der Investoren sind je nach Unternehmen unterschiedlich. Sie reichen von der Forderung nach höheren Angebotspreisen für Mergers, Aktienrückkäufen und Sonderdividenden über Strategie- und Vorstandswechsel bis hin zur Aufsplittung von Mischkonzernen wie aktuell bei ThyssenKrupp.

Welche Auswirkungen derartige Kampagnen auf den Aktienkurs haben, kann man aktuell bei der DAX-Aktie von Wirecard nachvollziehen. Wer schlecht auf Angriffe vorbereitet ist und kommunikativ wenig gegenzuhalten hat, zieht oftmals den Kürzeren. 

Was tun?

Medien und Analysten sind für die Aktivisten die Multiplikatoren für die anzubringende Kritik. Öffentliches Agieren soll Verbündete bringen für ein abgestimmtes Vorgehen. Daher wird das Management regelmäßig unter Druck gesetzt, Briefe werden veröffentlicht, Mediengespräche abgehalten oder Argumente der Gegner auf sogenannten „Fight-Websites“ veröffentlicht.

Schlichtes Ignorieren dieser Argumente ist zu wenig. Der Kritik sollte man mit offener Kommunikation begegnen. Bender rät zu einer angemessenen Reaktion: „Nicht emotional werden, auch wenn der Druck steigt. Es ist wichtig, den Argumenten faktisch zu begegnen. Man muss darstellen, warum das Unternehmen ein gesundes Unternehmen mit einem klaren Kurs ist.“

Doch wer erst nach der Veröffentlichung einer Shareholder-Kampagne nach Gegenargumenten sucht, wird es schwerhaben. Daher raten alle Kommunikationsexperten zur Vorbereitung. „Be your own activist“, nennt es Bender. Es liege in der Verantwortung von IR und Kommunikationsabteilung, mögliche Schwachstellen zu identifizieren, anzusprechen und Argumentarien zu erstellen. Nur so sei eine gute Vorbereitung und damit ein faires Match der Argumente auf Augenhöhe möglich.

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