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Paul Trummer,

Was der Kulturnation fehlt

Der Wiener Herbst bringt Kultur ins Land und stellt mit Kunstmessen und -events zeitgenössische Kultur in die Auslage. Strategisch größer gedacht hätten die verschiedenen Initiativen das Potenzial, Österreichs Image im Ausland als Kulturnation clever aufzupolieren.

Klimts „Der Kuss“ als Fächer für heiße Tage, Schieles Selbstporträts als Kühlschrankmagnet und Sisis Haarsterne als Replica für Instagram-Selfies: Wer durch Wiens Innenstadt flaniert, begegnet der Produkt gewordenen Reinkarnation der österreichischen kulturellen Identität auf Schritt und Tritt. Wo einst traditionsreiche Geschäfte residierten, wachsen Souvenirshops wie Schwammerl aus dem Boden.

Die Entwicklung zeigt: Österreichs Image als Kulturnation funktioniert im Ausland immer noch und lässt die Kassen klingeln.

Auf einem finanziell höheren Niveau funktioniert dieses Kulturnation-Image auch dieser Tage in der Wiener Marxhalle, wo die viennacontemporary zeitgenössische Kunst aus Österreich und Mittel- und Osteuropa ins Schaufenster rückt. Mehr als 30.000 Kunstliebhaber kamen, international kaufkräftige Sammler inklusive.

Was die beiden Szenen eint, ist Österreichs hervorragender Ruf im Ausland als Kulturnation. Doch während das reiche kulturelle Erbe international gerne in den Vordergrund gestellt wird, spielt die pulsierende aktuelle Kulturszene im Land in der öffentlichen Kommunikation eine untergeordnete Rolle.

Doch was Wiener Festwochen, imPulsTanz, viennacontemporary oder ars electronica auszeichnet, ist ihr hervorragender Ruf in der Szene weit über die Landesgrenzen hinaus. So meint etwa Arne Ehmann von der Galerie Ropac: „Wien hat einfach die eindeutig bessere Verzahnung zwischen Institutionen, Sammlern, Künstlern und einem interessierten Publikum. Es gibt eine gesunde Kunstszene.“ Er sieht Wien damit klar im Vorteil gegenüber Berlin, wo es zwar Tausende Künstlerinnen und Künstler gebe, „aber leider keine Institutionen, die regelmäßig wichtige Ausstellungen zeigen“.

Es gibt also viel Potenzial im Land: Professionell aufgestellte Museen als Verwalter und Erzähler der Kulturgeschichte des Landes, pulsierende Kulturszenen von Musik über bildende Kunst bis Tanz, zahlreiche spannende Einzel-Initiativen, erfolgreiche Unternehmen als kunstsinnige Sponsoren und vorausdenkende öffentliche Einrichtungen wie departure von der Wirtschaftsagentur Wien.

Was fehlt, ist das große Ganze. Eine Vision, wie sich die attraktiven Einzelteile zu einem spannenden neuen Mosaik Österreichs im Ausland zusammenfügen können. Eine attraktive neue Erzählweise, wie sie etwa die Initiative 21st Austria von heimischen Unternehmen und Institutionen in den USA und UK etabliert hatte, wäre ein möglicher Ansatzpunkt. Ein großer Kongress mit dem Fokus Kunst & Kultur, der tausende internationale Gäste lockt, ein anderer.

Die Bündelung von Kräften könnte nicht nur Österreichs Image als Kulturnation international auffrisieren, sondern längerfristig auch finanziell profitabel sein – etwa, wenn sich neue Touristen aufgrund einer Kunstmesse oder eines anderen Kulturevents für die Destination Österreich entscheiden.

Ob es erstrebenswert ist, dass langfristig die Klimt-Fächer und Mozart-Häferl durch Nippes von Hermann Nitsch oder Xenia Hausner abgelöst werden, ist fraglich. Aber Wien hat definitiv Platz für beides – den Nippes und die Kunst.

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