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Verena Nowotny,

Teile dich reich!

Der Bestsellerautor Marc Elsberg hat ein wissenschaftliches Modell zum Kernstück seines neuen Thrillers „Gier“ gemacht. Sehr kurz gefasst besagt dieses Modell, dass intelligentes Teilen auf Dauer größeres Wachstum bringt als ausschließlich auf persönlichen Profit ausgerichteter Wettbewerb. Klingt grundsätzlich logisch – aktuelle Beispiele zeigen jedoch, dass wir gar nicht selten entgegen dieser Logik agieren bzw. sie nicht ausreichend nutzen.

Er sei durch Zufall auf die Berechnungen der Mathematiker am London Mathematical Laboratory gestoßen, erzählte Marc Elsberg beim Frühstück mit Ausblick. Deren Berechnungen hätten ihn fasziniert, weil sie etwas beweisen, das wir instinktiv schon seit einiger Zeit spüren: Dass knallharter Wettbewerb und egoistisches Profitstreben ökonomisch gesehen weniger bringen als „intelligente“ Kooperation. Denn damit Kooperation auch optimale Früchte trägt, müsse sie auch zwischen möglichst unterschiedlichen Partnern erfolgen. Elsberg illustrierte – und vereinfachte – in seinem Thriller „Gier“ diese komplexe mathematische Beweisführung anhand einer Fabel von vier Bauern, von denen zwei ihre Ernte teilen bzw. poolen und damit nach wenigen Jahren deutlich höhere Erträge erwirtschaften als ihre zwei anderen Konkurrenten, die nicht zusammenarbeiten. Es funktioniert aber auch deswegen so gut, weil die beiden kooperierenden Bauern eben unterschiedliche Voraussetzungen hinsichtlich Lage und Ertragsmöglichkeiten haben.

Wie auch in der Diskussion beim Frühstück mit Ausblick deutlich wurde: ganz neu ist die Idee nicht. Nach ähnlichen Modellen investieren beispielsweise Hedgefonds, die ihre Risken dadurch abfedern, aber insgesamt höhere Erträge erwirtschaften können. Und es stellt sich natürlich die Frage, wie man in größeren Gemeinschaften, etwa einem Staat, die Verteilung organisiert und in welcher Form Gewinne reinvestiert werden. Damit landet man ganz schnell bei politischen Regeln und Realitäten, die sich natürlich deutlich weniger präzise in Modelle gießen lassen.

Anwendungsbeispiel Europa

Nimmt man das von Elsberg vorgestellte Modell aber mal einfach als Denkanstoß, dann lassen sich anhand dessen einige interessante Überlegungen anstellen. Wenn beispielsweise unterschiedliche Voraussetzungen und Vielfalt tatsächlich besonders vorteilhaft sind, um höheres Wachstum zu erzielen, dann hätte die Europäische Union optimale Voraussetzungen, einen nachhaltig hohen Ertrag zu erwirtschaften. Was auch so ist - der europäische Binnenmarkt ist objektiv und nachweislich ein Erfolgsmodell: Weltweit stieg in den Jahren 1970 bis 2017 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von rund 5.100 auf 10.600 US-Dollar. Das entspricht einer Steigerung von 1,55 Prozent pro Jahr. Das reale BIP der 28 EU-Mitgliedstaaten nahm zwischen 1970 und 2017 von rund 15.600 auf 36.800 US-Dollar pro Kopf zu und wuchs damit um 1,8 Prozent pro Jahr – also ein höheres Wachstum als im Weltdurchschnitt, noch dazu auf deutlich höherem Niveau (Quelle: United Nations Conference on Trade and Development).

Auch die von Populisten immer wieder als „Transfer-Union“ verschriene EU lässt sich mit der Idee vom intelligenten Teilen wiederlegen. Denn danach hätte die EU mit dem bereits 1994 etablierten Kohäsionsfonds genau das Richtige getan: Der Kohäsionsfonds wurde eingerichtet, um im Interesse der Förderung einer nachhaltigen Entwicklung zur Stärkung des wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalts der Europäischen Union beizutragen und kommt jenen Ländern zugute, deren Bruttonationaleinkommen (BNE) pro Kopf bei unter 90 % des EU-Durchschnitts liegt. Finanziert wird das naturgemäß von den Nettozahlern der EU, also wohlhabenden Ländern wie Österreich, aber – folgt man der Logik des Londoner Modells – durchaus in eigenem Wachstums- und Wohlstandsinteresse.

Kooperation nach dem Londoner Modell beruht auf Freiwilligkeit – so wie im übrigen auch die EU. Wer nicht (mehr) mitmachen will, tritt entweder gar nicht erst bei oder steigt aus. Welche Folgen die Aufkündigung der Kooperation haben kann, darüber rätseln derzeit viele Ökonomen am Beispiel Großbritannien. Über einen Punkt besteht allerdings Einigkeit: ein harter Brexit, also ein schlagartiger Ausstieg aus dem EU-Binnenmarkt wird auf jeden Fall teuer – und die Briten stärker treffen als die verbleibenden EU-Mitglieder.

China und das Londoner Modell

Das Sympathische an mathematischen Beweisführungen ist, dass sie grundsätzlich ideologiebefreit sind. Sie liefern einfach mal ein theoretisches Gerüst, das natürlich auf seine Anwendbarkeit geprüft werden muss, aber nicht emotional belastet ist. Es lässt sich nicht überprüfen, ob die chinesische Führung konkret das Londoner Modell kennt, aber ihre Vorgangsweise speziell bei der großen Seidenstraßen-Initiative (Belt-Road-Iniative, BRI) ließe es zumindest möglich erscheinen.

Denn was tut China da? Die Länder entlang der Seidenstraße sind auf einem anderen (meist niedrigeren) Entwicklungsniveau als China, bieten also den Vorteil der Vielfältigkeit, der Kooperation besonders nutzbringend macht. Die Kooperation beruht prinzipiell auf Freiwilligkeit – wobei die dicken Scheckbücher der Chinesen natürlich schon ein sehr süßes Lockmittel darstellen. Ein weiterer Schönheitsfehler in Hinblick auf das Londoner Modell ist die insofern einseitige Kooperation, als bei den jeweiligen Projekten meist chinesische Überkapazitäten im Konstruktionsbereich zum Einsatz kommen und nicht lokale Arbeitskräfte. Es sind übrigens genau diese Abweichungen vom Londoner Modell, die regelmäßig zu Kritik an der chinesischen Seidenstraßen-Initiative führen. Die Grundidee – also durch eine Verbesserung der Infrastruktur die Kooperation zu verbessern und zu intensivieren – ist jedoch absolut vernünftig aus ökonomischer Sicht. Dass sie den Chinesen eingefallen ist und von ihnen auch umgesetzt wird, das kann man ihnen wirklich nicht vorwerfen.

Nützliche Gedankenspiele

Zugegeben, noch befindet sich das Londoner Modell im Stadium der Grundlagenforschung. Seine tatsächliche Anwendbarkeit für die Wirtschaftspolitik muss noch abgewartet werden. Was uns aber nicht davon abhalten sollte, unser gegenwärtiges System neu bzw. anders zu denken – Potenzial zur Verbesserung besteht allemal. Vielleicht ermöglichen derartige mathematische Beweisführungen eine sachlichere Diskussion – außerhalb der Echokammern der jeweiligen Ideologien oder politischen Überzeugungen.

Dass Marc Elsberg uns mit spannenden Geschichten dazu ermuntern will, dafür ist ihm jedenfalls zu danken.

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