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Verena Nowotny,

Starke Führung: Zwischen Kalkül und Gefühl

Der Führungsstil Maria Theresias und was wir davon lernen können

Aufmüpfige Landesfürsten, eine eher überschaubare Streitmacht, Intrigen und Demütigungen – nein, die Rede ist nicht vom traditionellen Arbeitsumfeld eines ÖVP-Parteiobmannes. Sondern von der Situation im Habsburger Reich bei Amtsantritt von Maria Theresia. Wie schaffte sie es, zur mächtigsten Frau Europas zu werden? Über Machterhalt, Mutti-Image und strategische Manöver.

Am 13. Mai jährt sich der Geburtstag von Maria Theresia, der erstaunlichen Herrscherin über das Habsburger Reich, zum 300. Mal. Denn erstaunlich war diese Frau, deren Regentschaft von mehreren Kriegen überschattet war, die 16 Kinder zur Welt brachte und die als Kaiserin in die Geschichte einging, obwohl sie nie zu einer solchen gekrönt wurde und die Reformen durchsetzte, die bis heute nachwirken.

Als Kaiser Karl VI. im Oktober 1740 stirbt, tritt seine Tochter Maria Theresia mit zarten 23 Jahren ein schweres Erbe an: der bayerische Kurfürst zeigt offenen Widerstand, Friedrich II. von Preußen fällt in Schlesien ein. Maria Theresia verfügt über wenig Ressourcen – die Staatskasse ist leer und die Armee in desolatem Zustand.

Wer sich mit Maria Theresias Führungsstil befasst, landet ganz schnell bei Fragestellungen, die gerade dieser Tage nach dem Rücktritt von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner intensiv diskutiert werden – denn in ihrer Komplexität dürften sich das damalige Habsburger Reich und die ÖVP gar nicht so unähnlich gewesen sein.

Die französische Philosophin Elisabeth Badinter meinte in einem Interview zu Maria Theresia in der Wiener Zeitung: „Diese Frau war nicht nur ihrer Zeit voraus, sondern auch unserer.“ Was waren nun die Ingredienzien für  den Erfolg Maria Theresias? Und sind diese Eigenschaften tatsächlich auf die heutige Zeit übertragbar?

Unterschätzt zu werden, verschafft Handlungsspielraum

Maria Theresia wurde von ihren männlichen Kollegen in Europa bei Amtsantritt schlichtweg nicht ernst genommen. Was sich auch sofort in Provokationen bzw. militärischen Auseinandersetzungen äußerte: König Friedrich II von Preußen marschiert kurzerhand in Schlesien ein – ohne Kriegserklärung und mit einer kaum zu überbietenden Macho-Attitüde: „Es ist der dauernde Ehrgeiz der Fürsten, sich zu vergrößern, soweit es ihre Macht erlaubt.“ In heutigem Wienerisch würde das vermutlich so lauten: Tschopperl, und wenn du noch so plärrst, ich nehm dir jetzt einfach mal was weg.

Maria Theresia nützt die anfangs niederschwellige Wahrnehmung durch andere Fürsten und Gegner, um sich strategisch gut aufzustellen. Das Ergebnis ihrer Analyse erinnert teilweise frappant an die Jetztzeit:

  1. In den alten Strukturen kann sie nichts gewinnen.
  2. Folglich muss sie dort ihre Unterstützung ausbauen, wo sie eine Chance hat: direkt beim Volk.
  3. Mit einer leeren Staatskasse lassen sich Kriege schlecht führen.
  4. Also muss sie andere Möglichkeiten suchen, Verbündete zu gewinnen und Allianzen zu schmieden.
Die Strategie durchziehen

Diese Eckpunkte ihrer Analyse verfolgt Maria Theresia beharrlich und konsequent. Sie setzt auf ihre Beliebtheit bei der Bevölkerung, vor allem in Ungarn und Böhmen, wo sie zur Königin gekrönt wird. Dabei erweist sie sich als frühzeitiges Kommunikationstalent: Instagram gab es zwar noch nicht, dafür werden unzählige Porträts der Herrscherin gemalt, die zu ihrer Bekanntheit im ganzen Reich beitragen. Sie präsentiert (böse Zungen würden heute sagen „inszeniert“) sich als Mutter und liebende Gattin und setzt ihre Weiblichkeit ganz bewusst in Reden und Gesprächen ein. Ihre Reformen im Bereich der Bildungspolitik (etwa die Einführung der Schulpflicht für Kinder aus allen Schichten) oder in der Landwirtschaft (Beschränkung der Leistungen gegenüber der Grundherrschaft) erfolgten sicher nicht aus purem Altruismus, dennoch kamen sie natürlich vor allem auch schwächeren Teilen der Bevölkerung zugute.

In der Außenpolitik bleibt Preußens König Friedrich II. ihr Lieblingsfeindbild. Doch sie greift zu ungewöhnlichen Mitteln, um das Kräfteverhältnis in Europa zu ihren Gunsten zu verändern: Die jahrhundertelange Feindschaft gegenüber Frankreich weicht einem Zweckbündnis, das mit der Vermählung von Maria Theresias Tochter Marie Antoinette mit dem französischen Thronfolger besiegelt wird.

Kluge Köpfe und Kritikfähigkeit

Die Idee zu diesem Coup stammte von ihrem Berater, dem Staatsminister Kaunitz, der für Maria Theresia in der Außenpolitik eine ähnlich spannende Rolle gespielt haben dürfte wie etwa Henry Kissinger für Präsident Nixon. Maria Theresia hatte generell ein gutes Händchen bei der Auswahl ihres engen Beraterkreises – doch vor allem zeigte sie in diesem Kreis ein hohes Maß an Kritikfähigkeit und erkennt, wie gefährlich der Elfenbeinturm der Macht ist. So gibt sie ihren Beratern explizit die Anweisung „meine Fehler mir zu erkennen zu geben und vorzuhalten“.

Auch die Arbeitsteilung mit ihrem Gatten Franz Stephan, der sich vor allem um die Wirtschaftsagenden kümmert, während sie die politischen Fäden zieht, zeugt von großer Pragmatik und der Fähigkeit, sich zurücknehmen zu können. Sehr geschickt erreicht sie, dass 1745 Franz Stephan zum römisch-deutschen Kaiser gewählt wird – machttechnisch ein wichtiger Schritt. Die „Kaiserin der Herzen“ bleibt natürlich sie; und auch der Titel wird ihr immer wieder zugesprochen, obwohl sie nie zu einer solchen gekrönt wurde.

Mit der Einsamkeit umgehen

Politik war und ist ein einsamer Job. Und er erfordert häufig harte persönliche Entscheidungen. Es kann für Maria Theresia, die sich nachweislich viel um die Erziehung ihrer 16 Kinder (von denen 5 nicht das Erwachsenenalter erlebten) kümmerte, nicht einfach gewesen sein, ihre Kinder aus Staatsräson in andere Länder zu verheiraten.

Obwohl Politik ein Beziehungskiller ist, hat sie es geschafft, ihre Ehe mit Franz Stephan offenbar so zu erhalten, dass sie daraus Kraft gezogen hat. Sein Tod 1765 trifft sie hart – in ihrer Trauer zeigt sie ihre Emotionen und verändert auch sichtbar ihr Äußeres, indem sie sich die Haare schneiden lässt und keinen Schmuck mehr trägt.

Wie wir nun aus jüngsten Funden wissen, pflegte Maria Theresia über 27 Jahre einen Briefwechsel mit Gräfin Sophie Enzenberg, eine Hofdame und enge Freundin. Diese Briefe dürften eine Art „Seelenhygiene“ für die Herrscherin bedeutet haben, die vermutlich nur wenig Gelegenheit hatte, persönliche Gedanken preiszugeben – ein seltenes Privileg für wirklich mächtige politische Persönlichkeiten.

 

Keine Führungspersönlichkeit ist frei von Fehlern – auch über die Politik von Maria Theresia ließe sich wohl trefflich diskutieren. Doch ihr Führungsstil – diese besondere Mischung aus Kalkül und Gefühl – beeindruckt auch nach 300 Jahren und könnte durchaus ein Erfolgsrezept für Führungskräfte der heutigen Zeit darstellen.

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